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PAPYROLOGICA COLONIENSIA
Kölner Papyri - Vol. VII, Band 6
bearbeitet von M. Gronewald, B. Kramer, K. Maresch, M. Parca und C. Römer
Westdeutscher Verlag, 1987
p. 136-145

Papyrus Köln 255

UNBEKANNTES EVANGELIUM ODER EVANGELIENHARMONIE
(FRAGMENT AUS DEM "EVANGELIUM EGERTON")

von Michael Gronewald


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Inv. 608
ca.150 (?)
5,5 x 3 cm
Papyruskodex
Herkunft unbekannt


Das kleine Fragment stammt aus demselben Papyruskodex wie P.Lond.Christ. 1, bekannter unter dem Namen P.Egerton 2. Der im Britischen Museum befindliche Papyrus wurde 1935 erstmals ediert von H.I. Bell und T.C. Skeat, "Fragments of an Unknown Gospel" (mit Abbildung), dann im selben Jahr mit Berichtigungen von denselben, "The New Gospel Fragments".

Der Papyrus erregte damals einiges Aufsehen sowohl wegen seiner frühen Datierung als auch wegen seines Inhalts. Die Herausgeber datierten die drei fragmentarischen Papyrusblätter auf ca.150 mit Verweis auf Schubart, der ein noch früheres Datum für möglich hielt. Nach Bekanntwerden des Johannesevangeliums P.Bodmer II wurde P.Egerton 2 wegen der paläographischen Verwandtschaft mehrfach herangezogen, um eine Datierung für P.Bodmer II zu gewinnen. H. Hungers Datierung von P.Bodmer II auf die Mitte des zweiten Jahrhunderts stieß auf den Widerstand von E.G. Turner, der den Anfang des dritten Jahrhunderts für wahrscheinlicher hielt; vgl. E.G. Turner, Greek Manuscripts Nr.63. Die Datierung von P.Egerton 2 dagegen hat Turner nicht angefochten; vgl. ders., Typology 5.3 und Tabelle S. 144 (unter NT Apocrypha 7). An der alten Datierung ist auch festgehalten in J.van Haelst, Catalogue Nr.586 und K. Aland, Repertorium Nr. Ap 14.

Nachzutragen ist, daß sich in dem Kölner Fragment nun auch Apostroph zwischen Konsonanten (aneneg'kon) wie in P.Bodmer II findet, was nach E.G. Turner, Greek Manuscripts 13, 3 eher ins dritte Jahrhundert weist. Doch auch bei einer eventuellen Datierung um 200 würde P.Egerton 2 immer noch zu den frühesten christlichen Papyri zählen.

Mit der frühen Datierung ging das inhaltliche Interesse zusammen, welches der Papyrus hervorrief; konnten doch die Herausgeber als Ergebnis ihrer Untersuchung S. 38 zusammenfassen: "The evidence indicates rather strongly that it represents a source or sources independent of those used by the Synoptic Gospels, and very likely, in part at least, authentic. Its relation to John is such as to suggest for serious consideration the question whether it may be, or derive from, a source used by that Gospel."

In der sich anschließenden Flut von Stellungnahmen kompetenter Bibelforscher wurden diese Spekulationen korrigiert, zumal die Abhängigkeit vom Johannesevangelium wurde kaum noch in Frage gestellt. Eine Ausnahme bildet die Dissertation von G.Mayeda, Das Leben-Jesu-Fragment Papyrus Egerton 2 und seine Stellung in der urchristlichen Literaturgeschichte, Bern 1946.

Das bis heute gültige Fazit der gelehrten Diskussion zieht J. Jeremias in Hennecke-Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen I S. 59: "Es finden sich Berührungen mit allen vier Evangelien. Das Nebeneinander von johanneischem ... und synoptischem Stoff ... und der Umstand, dass der johanneische Stoff mit synoptischen Wendungen, der synoptische mit johanneischem Sprachgebrauch durchsetzt ist, lässt vermuten, daß der Verfasser die kanonischen Evangelien sämtlich kannte. Jedoch hat er keines von ihnen als schriftliche Vorlage vor sich gehabt, vielmehr zeigen die oben erwähnten, durch Wortanklänge veranlaßten Digressionen ... daß der Stoff nach dem Gedächtnis wiedergegeben ist. So dürften wir ein Beispiel für die Überschneidung schriftlicher und mündlicher Überlieferung vor uns haben: Obwohl die Tradition bereits schriftlich fixiert war, wurde sie noch weiterhin gedächtnismäßig weitergegeben und fand auf diese Weise ... einen neuen schriftlichen Niederschlag."

Das Kölner Fragment ergänzt Fr. 1 von P.Egerton 2 am unteren Ende (ab Z. 19 verso, ab Z. 39 recto nach der alten Zählung) um ca. 5 Zeilen. Die durchlaufende Zeilenzählung der Fragmente verändert sich dadurch in der Weise, daß bei Fr. 1 recto drei Zeilen, bei den Fragmenten 2 und 3 sieben Zeilen zu der alten Zählung hinzuzurechnen sind.

Auf dem Verso von Fr. 1 werden im neuen Teil des Papyrus die Zitate aus Johannes fortgesetzt, die sich an einen Sabbatbruch Jesu anschließen.

Der neue Teil des Recto von Fr. 1 führt überraschend die nach den Synoptikern erzählte Heilung des Leprakranken mit einer johanneischen Wendung (Jo 5,14) zu Ende. Das bestätigt die bereits anhand des 'Zinsgroschengesprächs' in Fr. 2 recto gemachte Beobachtung, daß "der synoptische mit johanneischem Sprachgebrauch durchsetzt ist" (J. Jeremias).

(Letters in red are doubtful. [[XX]]\/(YY) represents a correction from XX to YY.)

fr. 1 verso:
19 --------]TOISUPAUTOU[---
20 -----]OIS? EIGAREPI [---
21 -----]EPISTEUSATEA [---
22 --]R[ . ]EMOUGAREKEINO[---
23 --]NTOISPAT[ . . ]SIN [[H]]\/(u`) MW[---
24 ---]E[-----------------] . [ -----


fr. 1 recto:
42 [ . ]P[-----
43 DEAUTWOIH [----
44 TONEPIDEIXON [----
45 KAIANENEG'KON [----
46 [ . ]ARISMOUWS [[EP]]\/(PRO) E[----
47 [ . ]HKETIA[ . . ]RTANE [----
48 -------------------------] .. [


19 upa- : Reste von u mit Trema darüber und von a sind auf P.Egerton 2 erhalten.
20 Hinter epi ist der rechte Rand sichtbar.
21 Der Hochpunkt vor episteusate ist auf P.Egerton 2 erhalten als letzte Spur am unteren Ende des Verso von Fr. 1.
23 hmw[ ist wahrscheinlich in u`mw[ korrigiert.

43 Der Abkürzungsstrich von Ih(souv) ist auf P.Egerton 2 erhalten.
45 Zur Form anenegkon vgl. Mandilaras, The Verb § 683, 2.
46 Oberhalb des Loches bei s erscheint ein Punkt von mir unklarer Bedeutung.
47 Die mittlere Horizontale des letzten E ist lang in den freien Raum vor der Bruchstelle des Papyrus ausgezogen, wie sonst am Zeilenende.
48 Wahrscheinlich Abkürzungsstrich eines Nomen Sacrum, dahinter unbestimmte Spur.


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